Die Bestandteile des Stundengebets

 

Portal führt in einen Innenhof mit Buntglasfenster – Abtei St. Scholastika, Dinklage

© Johannes Uphus / Portal Abtei St. Scholastica, Dinklage

Das Stundengebet prägt seit den Anfängen der Kirche Jesu Christi den Tageslauf der Glaubenden. An den Eckpunkten des Tages – morgens, mittags, abends, zur Nacht – unterbrechen sie den Lauf der Zeit und wenden sich allein oder in Gemeinschaft an Gott. Sie loben ihn für seine Güte und Nähe und bitten für sich und die Welt.

Eröffnung

Hymnus

Psalm bzw. Canticum

Schriftlesung

Lobpreis

(Für)Bitten und Vaterunser

Schlussgebet (Oration)

Segen

Morgendämmerung am See

© Johannes Uphus / Frühmorgens am Chiemsee

Im Puls der Zeit

Unsere Lebenszeit gliedert sich nach dem Lauf der Sonne und des Mondes in Jahre, Monate und Tage. Im Rhythmus von Licht und Dunkelheit gründet unser Kalender.

Im Stundengebet (oder: in der Liturgie der Tagzeiten) feiern wir Gott als den Geber des Lichtes. Wir danken nicht nur dafür, dass der Rhythmus des natürlichen Lichtes unser Leben ermöglicht. In diesem Rhythmus singen wir vielmehr das Lob für jeden Augenblick, in dem Gott uns sein Antlitz zuwendet und unser Leben hell macht.

Jederzeit für Gottes Gegenwart offen zu sein, dorthin möchte die Tagzeitenliturgie uns führen. Seinen Anspruch vernehmen und ihn durch unser Leben erwidern: in diese Zwiesprache nimmt sie uns hinein.

Die einzelnen Gebetszeiten folgen dem täglichen Weg des Lichtes: von der ersehnten Ankunft während der Nacht über die Stationen des Sonnenlaufs bis hin zur vertrauenden Hingabe in die Hände dessen, der die Sterne beim Namen ruft (vgl. Ps 147,4).

Nun sind Menschen von heute in einen straffen Lebensrhythmus eingespannt. Sie gehen einem bürgerlichen Beruf nach, übernehmen in der Familie Verantwortung für die Zukunft unserer Gesellschaft, oder sie tragen ehrenamtlich zu deren Zusammenhalt bei. Um ihnen unter solchen Bedingungen die Teilnahme an der Tagzeitenliturgie der Kirche zu ermöglichen, konzentriert sich MAGNIFICAT auf die beiden herausgehobenen Zeiten des Übergangs zwischen Licht und Dunkel. Seit jeher finden zu Sonnenauf- und -untergang die zentralen Feiern des Stundengebetes statt.

Entzünden der Kerzen beim Vespergottesdienst

© Andreas Fuhrmann / Zwei Betende reichen einander das Licht

Die Feier von Morgen- und Abendgebet

Das Morgen- und Abendgebet in MAGNIFICAT folgt grundsätzlich der Struktur von Laudes und Vesper des römischen Stundengebets. Eine Gebetszeit beginnt mit Eröffnung und Hymnus. Es folgt ein Psalm mit einem Psalmgebet oder ein Canticum (ein psalmartiger Gesang aus dem Alten oder Neuen Testament) mit Leitvers (Antiphon) und eine Kurzlesung. Im Zentrum steht das entsprechende Canticum aus dem Evangelium (Benedictus morgens, Magnificat abends). Den Abschluss bilden Bitten bzw. Fürbitten und Vaterunser, Schlussgebet und Segen.


Eröffnung

In dem Bewusstsein, dass auch unser Lob und Dank, unsere Klagen und Bitten von Gott selbst ermöglicht sind, beginnen Morgen- und Abendgebet mit einer entsprechenden Bitte aus Psalm 50 bzw. 70. Der Lobpreis des dreifaltigen Gottes bringt zum Ausdruck, dass sich unser Beten grundsätzlich in der Beziehung zu den drei göttlichen Personen ereignet: Vom Geist Gottes selbst getragen, richtet es sich durch den Sohn an Gott den Vater.

An Sonntagen und Festen tritt zur Eröffnung am Morgen ein Vers hinzu, der am Beginn des Tages dazu einladen möchte, auf Gottes Stimme zu hören und sich seiner Gegenwart zu öffnen.

Hymnus

Hymnen im engeren Sinn sind Loblieder, die sich persönlich an Gott selbst oder an Heilige richten. In MAGNIFICAT erscheinen hier auch andere Zeugnisse der reichen kirchlichen Überlieferung, etwa Kirchenlieder oder sonstige poetische Meditationen der Heilsgeheimnisse. Wenn der Hymnus gesungen werden kann, werden Melodien geläufiger Lieder aus dem Gotteslob von 2103 (GL), dem alten Gotteslob von 1975 (GL 1975) bzw. dem Katholischen Gesang- und Gebetbuch der deutschsprachigen Schweiz (KG) oder dem evangelischen Gesangbuch (EG) vorgeschlagen.

Vespergottesdienst auf Burg Rothenfels

© Andreas Fuhrmann / Beim Stundengebet – Psalmodie

Psalm und Canticum

Die Psalmen, gemeinsamer Gebetsschatz Israels und der Kirche, bilden bis in unsere Zeit die Mitte der Tagzeitenliturgie. Sie werden seit alters als Lesungstexte, als Gottes Wort an die versammelte Gemeinde aufgefasst. Gerade so können sie uns heute, die wir sie meditierend lesen oder singen, Gottes Menschlichkeit nahebringen: wenn wir in ihrer unmittelbaren, vorbehaltlosen Sprache unsere eigene Sehnsucht nach und unsere Freude über Gottes Gegenwart erklingen hören und dadurch spüren, dass Gott sich unserer innersten Bedürfnisse annimmt.
Die folgende Psalm-Oration versteht sich als vertiefende und aktualisierende Antwort, die den Psalm gleichzeitig zusammenfasst.

Bisweilen tritt ein Canticum (lateinisch: Gesang) an die Stelle des Psalms. Bei den Cantica handelt es sich um Psalmen oder psalmartige Gesänge, die den biblischen Büchern außerhalb des Psalmenbuchs entnommen sind. Ihnen geht eine Antiphon voran, die am Ende wiederholt wird.

Lesung

Die Kurzlesung, ausgewählt aus allen Büchern der Bibel außer den Evangelien, möchte uns ein prägnantes Wort, einen konzentrierten Gedanken vorstellen, an dem unser Sinnen haften bleiben kann. Es soll uns aufrütteln, ermutigen und auf unserem Weg begleiten.
 

Benedictus - Magnificat - Nunc dimittis

Die Mitte des Morgen- bzw. Abendgebetes bilden die Cantica aus dem Evangelium. Morgens ist es das Benedictus, der Lobgesang des Zacharias (Lk 1, 68–79), und abends das Magnificat, der Lobgesang Mariens (Lk 1, 46–55). Weil die Komplet, das wöchentlich wiederkehrende Nachtgebet der Kirche, nicht eigens in MAGNIFICAT aufgenommen ist, wird bisweilen das Magnificat ersetzt durch das Nunc dimittis, den Lobgesang des Simeon (Lk 2, 29–32).

Vespergottesdienst – Psalmodie

© Andreas Fuhrmann / Beim Stundengebet – Lobgesang

In den deutschsprachigen Gesangbüchern stehen die drei Gesänge unter folgenden Nummern:

  • Benedictus: GL 617, 2 (V. Ton) und GL 623, 7 (I. Ton) · GL 1975 681 (VIII. Ton) · KG 267 (VIII. Ton);
  • Magnificat: GL 631, 4 (IX. Ton) und GL 631, 8 (lat.; VIII. Ton) · GL 644, 4 (VII. Ton) · GL 1975 689 (IX. Ton) und GL 1975 690 (lat.; VI. Ton) · KG 274 (IX. Ton) und KG 277 (lat.; VI. Ton);
  • Nunc dimittis: GL 665, 3 · GL 1975 700, 3 · KG 290 (alle im III. Ton).

Unter GL 395 · GL 1975 261 · KG 760 sind dort ein Magnificat-Lied sowie unter GL 500 · GL 1975 660 · KG 498 ein Lied nach dem Nunc dimittis enthalten. Eine Liedfassung des Benedictus steht im neuen Gotteslob unter GL 384 zur Verfügung.

Bitten und Fürbitten

Morgens schließen sich Bitten an, denen es vor Beginn der täglichen Arbeit um die persönliche Ausrichtung an Gottes Willen geht. Wenn abends Ruhe von der Betriebsamkeit des Tages eingekehrt ist, richten Fürbitten den Blick auf die Mitmenschen in Kirche und Welt. Die vorformulierten Bitten und Fürbitten verstehen sich ausdrücklich als Impulse, den eigenen Anliegen Ausdruck zu verleihen und sie bittend vor Gott zu tragen.
Die Bitten und Fürbitten münden im Vaterunser, in dem Jesus selbst die grundlegenden Bitten zusammengefasst hat. Zusammen mit dem Vaterunser der Eucharistiefeier eröffnen seine Vorkommen im Morgen- und Abendgebet die Möglichkeit, einen altkirchlichen Brauch fortzusetzen und dieses zentrale Gebet dreimal täglich zu sprechen.

Schlussgebet

Das Schlussgebet (die Oration) rundet die gesamte Gebetszeit ab, indem sie die Themen der Lesungen oder die Anliegen von (Für-) Bitten und Vaterunser nochmals in besonders geprägter Sprache in sich versammelt. In die Oration fließen häufig die Morgen- bzw. Abendthematik oder der Inhalt des betreffenden Festes ein. An Sonntagen und in den geprägten Zeiten des Kirchenjahres tritt regelmäßig das Tagesgebet der Eucharistiefeier an ihre Stelle.

Segen

Den Schluss bildet bei Morgen- und Abendgebet eine Segensformel, durch sich die Betenden Gott anvertrauen.

Abendsonne über den Bergen

© Symonenko Viktoriia, Amazing sun rays in a beautiful morning sunrise landscape, Carpathians, shutterstock 348431708

Das Abendgebet in MAGNIFICAT weicht in zwei Punkten vom Aufbau des Morgengebets ab:
 

Rückblick auf den Tag

Am Abend ist es üblich, den zurückliegenden Tag nochmals an uns vorüberziehen zu lassen und dann in der Zwiesprache mit Gott zu erforschen, was daran gut und was daran verbesserungsbedürftig war. Mit dem Schuldbekenntnis gestehen wir unsere Schwäche ein und bekunden den Willen, zu Gott umzukehren und seine Nähe zu suchen.

Marianische Antiphon

Zum Abschluss des Abendgebetes kann man einen Gruß an die Gottesmutter richten. Als klassische marianische Antiphonen gelten:

  • Salve Regina (im Jahreskreis),
  • Alma Redemptoris Mater (in der Advents- und Weihnachtszeit),
  • Ave Regina caelorum (in der Fastenzeit),
  • Regina caeli (in der Osterzeit).

Zum Weiterlesen:
Die Feier des Stundengebetes – Die Wort-Gottes-Feier – Die Feier der Eucharistie (Magnificat-Sonderheft), auch digital erhältlich.

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