Eine Kapelle für Europa

 

Chapelle de la Résurrection, BrüsselDie Chapelle de la Résurrection in Brüssels Rue Van Maerlant · Foto: Fabre
– Own work, CC BY-SA 3.0, https://bit.ly/2UIk92F


Ausgesprochen bescheiden liegt sie mitten im Europaviertel der belgischen Hauptstadt, die Chapelle de la Résurrection. Neben den riesigen Gebäudekomplexen der europäischen Institutionen ein treffendes Symbol, wofür sie steht. Früher Teil des angrenzenden Van-Maerlant-Klosters der Schwestern von der Ewigen Anbetung, will die Chapel for Europe seit ihrer Gründung im Jahr 2001 ein Ort des Glaubens und der Spiritualität, aber auch eines Engagements aus den Wurzeln des Evangeliums sein, eine christliche Zelle im Herzen der Europäischen Union. Das Besondere: Sie ist eine ökumenische Kapelle in katholischer Trägerschaft und zu 100% aus Spenden finanziert.

 

Krystian Sowa SJ, Leiter der Chapel for EuropeP. Krystian Sowa SJ · Foto: Uphus

Internationales Team um polnischen Jesuiten

Die Chapel for Europe wird betreut von einem internationalen Team um den polnischen Jesuitenpater Krystian Sowa. Ihm stehen als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen eine Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und eine Teamassistentin zur Seite, darüber hinaus ein weiterer Jesuitenpater und ein orthodoxer Priester als geistliche Mitarbeiter. Stets engagieren sich junge Freiwillige an der Chapel for Europe; sie übernehmen den Dienst an der Rezeption, wirken bei den täglichen Morgen- und Mittagsgebeten mit und organisieren die vielseitigen Diskussions- und Bildungsveranstaltungen, die im Zentrum stattfinden.

 

Chapelle de la Résurrection, Gottesdienstraum
Chapelle de la Résurrection, Empfangsbereich
Chapelle de la Résurrection, KryptaChapel for Europe: Kirchenraum · Empfangsbereich · Krypta · Fotos: JBU

Ein Ort für Einkehr, Begegnung und Diskurs

Ursprünglich befand sich der barocke Backsteinbau wie das benachbarte Kloster im Brüsseler Zentrum. Beide mussten Anfang des 20. Jahrhunderts dem neuen Brüsseler Hauptbahnhof weichen und wurden an der heutigen Stelle baugleich neu errichtet. Für ihre neue Bestimmung als ökumenisches Zentrum hat die Auferstehungskapelle deutliche Umbauten erfahren. Das untere Drittel vom ursprünglichen Kirchenschiff ist heute Foyer und Empfangsraum; darüber liegt die eigentliche Kapelle. Steigt man die Treppe hinauf, so fällt als erstes das San-Damiano-Kreuz ins Auge, das durch die Gemeinschaft von Taizé weltweit bekannt geworden ist. Aus Syrien stammend, hat es für den heiligen Franziskus grundlegende geistliche Bedeutung erlangt. Auch dies ein Symbol, verdankt doch Europa dem vorderen Orient nicht nur seinen Gründungsmythos, sondern zugleich auch tiefreichende geistliche Impulse. Lädt dieser Gottesdienstraum mit seiner feinen Akustik zum vielsprachigen Beten und Singen ein, bleibt seine sakrale Gestaltung doch zurückhaltend genug, um auch Vorträge und Diskussionen zu ermöglichen. Die unter der Eingangsebene liegende Krypta hingegen bietet Raum für Sammlung und Meditation; sie wird von EU-Bediensteten als Raum für Einkehr und Stille mitten in Brüssels umtriebigem Europaviertel hoch geschätzt.

 

Bf. Robert Innes, Anglikanischer Bischof für EuropaBischof Robert Innes · Foto: Uphus

Auf der Suche nach Europas Seele

Ende Januar 2019 fand in der Chapel for Europe ein Podiumsgespräch zum Thema „Looking for the soul of Europe“ ‒ „Auf der Suche nach Europas Seele“ statt. Robert Innes, der anglikanische Bischof für Europa, berichtete in seinem Einführungsvortrag, Anfang der 1990er-Jahre habe Kommissionspräsident Jacques Delors noch die Frage nach den geistigen und immateriellen Dimensionen der Europäischen Union gestellt. Drei Jahrzehnte später sei davon kaum noch die Rede. „Was aber können die Kirchen aus ihrem ureigenen Handlungsbereich heraus tun, um ein zusammenwachsendes Europa zu unterstützen?“, formulierte Bischof Innes seine zentrale Frage. Zunächst richtete er das Augenmerk auf die Spaltungs- und Abschottungstendenzen, die in vielen Ländern aufgebrochen seien. Mit Trennung und Spaltung hätten die Kirchen, so Innes, ja reichlich Erfahrung, aber eben auch mit deren Überwindung. Letzten Endes hätte die endlose Konfliktgeschichte der Christenheit im 20. Jahrhundert zu der Einsicht geführt, dass ein erneuertes Miteinander nur durch Besinnung auf das Evangelium Jesu Christi und seinen Kerngedanken der Versöhnung erreicht werden könne. In den Jahrzehnten ökumenischer Zusammenarbeit haben, lautete Bischof Innes’ Fazit, die christlichen Kirchen eine einzigartige Erfahrungsvielfalt gesammelt, die sie für eine Überwindung von Verwerfungen auch im säkularen Bereich fruchtbar machen können. Dies werde freilich im bescheidenen Rahmen wie dem der Auferstehungskapelle geschehen. Weit davon entfernt, an alte Machtstrukturen anzuknüpfen, sei es heute an den Kirchen, Räume der Offenheit und des Austauschs zur Verfügung zu stellen, in denen auch ihre Erfahrung im Umgang mit Konflikten ihre Wirkung entfalten könnte.

 

Katrin Hatzinger, Leiterin des EKD-Büros bei der EUKatrin Hatzinger · Foto: JBU

Katrin Hatzinger, Leiterin des EKD-Büros in Brüssel, äußerte in ihrem Standpunkt, die Einheit in Verschiedenheit sei für sie der Punkt, an dem sich Christentum und Europa vergleichen ließen: von den Kirchen könnte Europa lernen, aufeinander zu hören und miteinander nach vorn zu gehen. An Selbstkritik mangele es auf vielen Seiten, auch in den Kirchen. Aus diesem Grund sei es von herausragender Bedeutung, die Botschaft der Versöhnung nach außen zu tragen: „Die Menschen müssen einbezogen werden! Wir alle sind Europa!“, so Hatzinger.

 

Bischof Luc van Looy, GentBischof Luc van Looy, Gent · Foto: Uphus

Bischof Luc van Looy aus Gent (katholisch) begann mit der Frage, ob das Christentum wohl die Seele Europas gewesen sei. Bei einem Blick in die Geschichte komme ihm die Befürchtung, Kriege, Wissenschaft und Kolonialismus hätten deutlichere Spuren hinterlassen. Aber, so van Looy: „Wo ist Europas Seele? Europa sucht seine Identität, es sucht sich selbst!“ In der Politik beobachte er mit Unbehagen die grassierende Polarisierung, aus Sicht des Glaubens auch den Gottesverlust. Die Menschen verschlössen sich zusehends, so Bischof van Looy. Er sehe die Notwendigkeit, neu vom Glauben zu reden. Und zwar zunächst vom Glauben an sich selbst, an die Gemeinschaft, die Jugend. „Wenn wir einander (und aneinander) glauben, entstehen Güte und Gerechtigkeit.“ Die Bereitschaft, füreinander da zu sein, christlich gesagt: die Diakonie bringe die Menschen zusammen.

 

Erzpriester Sorin SelaruErzpriester Sorin Selaru · Foto: Uphus

Das Stichwort Diakonie griff Erzpriester Sorin Selaru (rumänisch-orthodox) insoweit auf, als er zunächst die Zerbrechlichkeit weltlicher Macht in den Blick rückte: „A horse, a kingdom for a horse!“, zitierte er William Shakespeares Richard III. Technokratie und Pragmatismus der EU nähmen der Vision des geeinten Europas den Schwung. In der heutigen Schnelllebigkeit seien Erinnerung, Verlässlichkeit und Solidarität entscheidende Werte, die insbesondere den Schwachen spürbar machen, dass sie von allen gemeinsam getragen werden. Wenn diese Grundkonstanten der christlichen Tradition wiederbelebt würden, werde sie Europa wieder verbinden. „Wir dürfen den Traum der Einheit nicht aufgeben!“, schloss Selaru.

 

Europa-Denkmal, Rue Van Maerlant, BrüsselEuropa-Denkmal neben der Chapelle de la Résurrection · Foto: Fabre
– Own work, CC BY-SA 3.0, https://bit.ly/2UIk92F


Europa eine Seele geben

Im Garten, der die Chapelle de la Résurrection umgibt, steht eine Plastik, die Europa symbolisiert. Verschiedenfarbige Arme tragen eine blaue, mit gelben Sternen besetzte Kugel, auf der eine weiße Taube thront. Europa – getragen von einzelnen Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit. Europa – ein Ort, auf dem die Friedenstaube sich niederlässt. Oder ist es der Gottesgeist, der Europa Flügel verleiht?
Europas Kirchen tun jedenfalls gut daran, den einzelnen Menschen Räume der Einkehr und des Austauschs zu eröffnen. Orte, an denen die, die Europa tragen, erleben können, dass sie zu Wort kommen und ihnen zugehört wird. Wo sie einander kennenlernen und bei allen Unterschieden annehmen – und sich angenommen fühlen können. Orte, die Ideen für eine gute Zukunft hervorbringen und bündeln. Denn Europa eine Seele geben bedeutet, seine Bewohner in ihrem seelischen Leben ernst zu nehmen und ihre inneren Kräfte zu stärken. Dafür steht die Chapel for Europe.

 

 

Back to Top
Parse Time: 0.112s