Corona

Über Leben in Zeiten der Pandemie

 

Aufleben soll euer Herz für immer.

Psalm 22,27

 

Aufgehende Sonne, hinter Wolkenband verborgen, dessen obersten Rand sie hell erstrahlen lässt© JBUphus / Ostersonnenaufgang

 

Liebe Leserinnen und Leser,

noch immer hält die Corona-Pandemie den ganzen Globus fest im Griff. Mit großen Einschränkungen gilt es, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die Gesundheitssysteme vor Überlastung zu schützen. Unser Leben hat sich massiv verändert. In solch einer Situation ist es besonders wichtig, Wege zu den Quellen zu finden, die uns Kraft und Hoffnung geben.

Auf dieser Seite bieten wir Ihnen an erster Stelle aktuelle Informationen zu Fragen, die sich aus der Pandemie ergeben.

Bitte bleiben Sie gesund!

Ihre MAGNIFICAT-Redaktion

 

Sehnsucht nach Leben

 

Die Kraniche sind dieses Jahr deutlich früher zurückgekehrt, und schon Ende Februar hat es Temperaturen um 20° C gegeben. Sosehr das Symptome des Klimawandels sind: In der Pandemie wirken sie wie Verheißungen, dass es nun endlich aufwärts geht. Und ja, trotz vieler Rückschläge beim Impfen und trotz der verstärkt auftretenden Virusmutationen scheint es, als bekämen wir Corona in den Griff. Nach den langen Einschränkungen der Wintermonate sind die Lockerungen vielen Menschen willkommen – und dennoch gilt es, weiterhin äußerst vorsichtig zu sein, um die mühsam errungene Senkung der Inzidenzzahlen nicht erneut zu gefährden. Wie umgehen also mit der Sehnsucht nach einem halbwegs normalen Leben, die sich in den Wintermonaten aufgestaut hat?

 

Treppenstufen in einem Bruchsteintunnel führen dem Licht entgegen

Bewusst auf Ostern zugehen

Nach einem Jahr mehr oder weniger großem Verzicht aufgrund der Pandemie – jetzt auch noch Fastenzeit? So oder ähnlich konnte man es um Aschermittwoch in den sozialen Netzwerken lesen. Es hat schon seine Berechtigung, das zu fragen; denn die vorösterliche Bußzeit, wie sie offiziell heißt, soll ja dem Menschen dienen, ihn wieder stärker zum Wesentlichen hinführen. Was aber ist wesentlich, wenn so vieles Gewohnte, ja, so viele Sicherheiten weggefallen sind? Gewiss, für viele Menschen ist das Fasten selbst etwas, das ihnen neue Stabilität und Sicherheit bringt. Doch wenn der Blick auf die biblischen Texte fällt, die gerade gelesen werden, spielt ein anderes die zentrale Rolle: eben die Buße, die Umkehr. Und das heißt nicht einfach: die Richtung ändern, sondern: Gott neu suchen, in die Beziehung gehen, das Herz auf ihn ausrichten.
Dass das nicht in gesammelter Stille geschehen muss (das auch!), sondern sich auch in der Klage Bahn brechen kann, zeigen seit alters die Psalmen. Gerade jetzt lassen sich Not-Rufe wie Ps 88 und ähnliche ganz neu verstehen, und vielleicht lassen sich die Auswirkungen der Virus-Krise mit ihrer Hilfe etwas besser bewältigen.
Vor allem aber lohnt es, die liturgischen Texte mit ihrer Betonung der Vergänglichkeit entlang zu gehen, bereiten doch gerade sie auf Ostern vor, das von der Passion nicht abzulösen ist.

In der aktuellen Situation neu lernen, (sich) an Gott und seiner Barmherzigkeit festzuhalten, das kann auch dazu verhelfen, die Anzeichen der Hoffnung eher wahrzunehmen. Es kann heißen, sehen zu lernen, wo Gott uns seine Gnade und Treue zuteilwerden lässt – etwa auch darin, in Verantwortung füreinander die Schutzmaßnahmen einzuhalten, so schwer das nach über einem Jahr auch fallen mag.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat zu Ostern 2021 bereits eine eigene Informationsseite veröffentlicht. Auch die Liturgischen Institute bieten auf ihren Seiten umfangreiche Hinweise, wie Sie Ostern auch unter Pandemiebedingungen feiern können. Mehr dazu unter Aktuelles.

Gedenkkerzen in einer Kapelle

Der Toten gedenken

Kaum jemand wird davon nicht in irgendeiner Weise betroffen sein: der Verlust eines Verwandten, einer Freundin, eines nahe und nächststehenden Menschen durch COVID–19 gehört zu den tiefsten Erfahrungen der Pandemie. Vielleicht ist dieser beginnende Frühling nicht die Jahreszeit, an die man bei Trauer als erstes denkt. Dennoch lädt der Weg auf Ostern zu ein, sich der Menschen zu erinnern, die ihren persönlichen Lebens-, ja: Leidensweg schon vollendet haben. Die Kirchen begehen aus diesem Grund regelmäßig Gedenkgottesdienste. So hat der Rat der Bischofskonferenzen Europas (CCEE) angeregt, an jedem Tag der diesjährigen Fastenzeit in einem anderen Land der an Corona Verstorbenen zu gedenken. In Deutschland wird auf Anregung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 18. April auch staatlicherseits eine zentrale Gedenkfeier stattfinden; ihr geht ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche voraus.

Einen beachtenswerten Beitrag zum Thema können Sie beim Deutschlandfunk nachhören bzw. -lesen.

 

MAGNIFICAT unter Pandemie-Bedingungen

 

Magnificat-Ausgaben April-Juli 2020Foto: JBU

Auch uns vom MAGNIFICAT-Team stellt die Corona-Pandemie vor große Herausforderungen. Die erhebliche Vorlaufzeit, die wir benötigen, um Ihnen MAGNIFICAT ordentlich redigiert und gedruckt auch in entferntere Länder pünktlich liefern zu können, machte und macht es uns fast unmöglich, auf kurzfristige Entwicklungen angemessen zu reagieren. Denn wer etwas schreibt, weiß nicht, wie die Situation zu der Zeit aussieht, zu der Sie es lesen: Ob – hoffentlich – weitreichende Erleichterungen Platz gegriffen haben oder ob wir doch alle erneute Einschränkungen zu tragen haben. Auf unserer Homepage können wir Anregungen und Informationen liefern. Im gedruckten Heft jedoch können wir schwerlich aktuell sein.

Wie wir aus aktuellen Rückmeldungen wissen, haben Leserinnen und Leser in der Familie oder kleinen Gebetsgruppen in den letzten Wochen der Beschränkungen ihren Glauben mit MAGNIFICAT „ins Gebet“ genommen und gefeiert. Wir hoffen, dass wir Ihnen weiterhin ohne Störungen jeden Monat die Grundlage dafür liefern können.

 

Grußwort von Weihbischof Rolf Lohmann
 

Bischof im grauen Anzug in einem KreuzgangWeihbischof Rolf Lohmann, Xanten · Foto: Markus van Oorschot

Sehr geehrte Leserinnen und Leser von MAGNIFICAT, liebe Schwestern und Brüder!

Die schon seit Monaten andauernde und immer wieder aufflackernde Corona-Pandemie erfüllt viele Menschen mit Angst und Sorge. Deswegen ist es so richtig und wegweisend, dass wir Christen uns – durch Gebet und Tat – dieser Situation angemessen widmen. Ich danke den Vielen, die in Gottesdiensten und Andachten alle Fragen und Nöte vor Gott bringen; auch denke ich an die, die jetzt in unseren Pfarrgemeinden, in den sozialen Einrichtungen, in den Krankenhäusern und Pflegeheimen da sind und ihren Dienst versehen, gestärkt durch die Botschaft des Evangeliums. In manchen Gegenden unseres Landes, vor allem aber in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas, schlägt diese Pandemie noch gewaltiger zu. Gerade hier ist unsere Solidarität angezeigt. Voller Sorgen sind die Menschen, die durch die Pandemie in wirtschaftliche und materielle Schwierigkeiten geraten sind. Ihnen wollen wir uns besonders zuwenden durch unsere Hilfe und unser Gebet.
Gedrucktes Marien-Andachtsbild, 17. JahrhundertDas Gnadenbild von Kevelaer

In meiner Region liegt der Wallfahrtsort Kevelaer mit dem Gnadenbild der „Trösterin der Betrübten“. Dieses kleine Wallfahrtsbild zeigt Maria mit einem weiten Mantel, der alle Menschen erreicht und umfasst. Sie sei uns in dieser Zeit Fürsprecherin, Trösterin und Wegbegleiterin aus der Krise heraus. Stehen wir in dieser Zeit zusammen, helfen wir einander, stärken wir uns, ermutigen wir uns und beten wir füreinander und miteinander:

„Herr, in Deine Hände lege ich meine Pläne, Sorgen, Ängste und Freuden. Du in mir und ich in Dir. Du bist der Grund meines Seins. Du durchwirkst mich mit Deinem Geist. Öffne mich allzeit für Deine Gegenwart, damit ich immer mehr erkenne, wer Du bist und was Du von mir willst.
Herr, in Deine Hände lege ich voller Dank, Vertrauen und Bitte meine Familienangehörigen, alle Menschen, die ich kenne, alle Menschen, die Dich jetzt besonders brauchen, alle Kranken, alle Sterbenden, alle Not-Leidenden und ihre Helfer, alle Verantwortlichen in Politik und Betrieben und Organisationen. Herr, in Deine Hände lege ich Deine gesamte Schöpfung – alles, was lebt und Dich braucht!“

So verbleibe ich – als Schirmherr von MAGNIFICAT – mit allen guten Wünschen und „im Gebet verbunden“ mit herzlichen Grüßen aus der Domstadt Xanten.

Ihr

+ R o l f   L o h m a n n
Weihbischof im Bistum Münster
Regionalbischof für die Region
Niederrhein/Recklinghausen

 

Geistliches Leben in der Corona-Pandemie
 

Auch wenn die Corona-Pandemie schon geraume Zeit andauert, können öffentliche Gottesdienste nur unter erheblichen Einschränkungen stattfinden. Umso wichtiger ist es, Möglichkeiten zu finden, wie Glaubende in der aktuellen Situation Kraft finden können, auch wenn es ihnen nicht möglich ist, an einem Gottesdienst teilzunehmen.

 

Brennende Kerzen

Ihr persönliches Beten

Insbesondere im persönlichen Gebet können wir die Solidarität mit unseren Schwestern und Brüdern leben. Denken Sie an die Menschen, die Ihnen nahestehen, sprechen Sie ihre Namen aus. Und bitten Sie so, wie es sich Ihnen nahelegt, auch für die Menschen in anderen Weltgegenden, die aktuell besonders betroffen sind. Gott vereint uns, auch wenn Begegnungen nur eingeschränkt möglich sind.

Das Liturgische Institut der deutschsprachigen Schweiz hat einen Vorschlag veröffentlicht, den wir Ihnen hier mit freundlicher Genehmigung des Urhebers zur Verfügung stellen.

Beten wir
- für alle Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind,
- für alle, die Angst haben vor einer Infektion,
- für alle, die sich nicht frei bewegen können,
- für die Ärztinnen und Pfleger, die sich um die Kranken kümmern,
- für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmitteln suchen,
dass Gott unserer Welt in dieser Krise seinen Segen erhalte.

(Stilles Gebet)

Allmächtiger Gott, du bist uns Zuflucht und Stärke,
viele Generationen vor uns haben dich als mächtig erfahren,
als Helfer in allen Nöten.
Steh allen bei, die von dieser Krise betroffen sind,
und stärke in uns den Glauben, dass du dich um jede und jeden von uns sorgst.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

© Martin Conrad, Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz

Die Liturgischen Institute der deutschsprachigen Schweiz, Österreichs und Deutschlands stellen auf ihren Internetseiten ein breit gefächertes Angebot von Anregungen, Meditationen und Gottesdienstmodellen für daheim zur Verfügung.

 

Blick aus einem Zimmer nach draußen, vor dem Fenster steht eine brennende Kerze

Gemeinsames Gebet mit MAGNIFICAT

MAGNIFICAT bietet Ihnen gute Möglichkeiten, die Situation zu gestalten, in der Gottesdienste eingeschränkt sind und vielleicht ganz anders aussehen, als Sie es gewohnt sind. Sie sind durch MAGNIFICAT mit den Beterinnen und Betern, mit den Feiernden an verschiedenen Orten verbunden. Auch wenn wir uns nicht wie gewohnt in der Kirche versammeln können, sind wir Teil der betenden Kirche, an deren gottesdienstliche Formulare MAGNIFICAT stets rückgebunden bleibt. Die Monatsausgaben nehmen Sie immer mit hinein in die Liturgie des Tages, speziell in den Schriftlesungen.

Wenn Sie gemeinsam beten möchten, legt es sich nahe, das im Wohnzimmer zu tun. Dort verbringen Sie ohnehin viel Zeit miteinander. Oder sie wählen, falls vorhanden, einen anderen geeigneten Raum, der über genügend Platz verfügt. Stellen Sie als Zeichen der Gegenwart Christi eine Kerze in die Mitte. Wenn Sie musikalisch sind, können Sie Gotteslob-Ausgaben und ggf. Instrumente zurechtlegen bzw. das Zimmer nutzen, in dem das Klavier steht.

Nehmen Sie sich für Ihren Hausgottesdienst bewusst Zeit, lassen Sie Ruhe einkehren. Wenn Sie die Texte sprechen, achten Sie auf ruhiges Lesetempo und genügend Pausen, so dass alle Gelegenheit haben, das Gehörte einsinken zu lassen. Verteilen Sie die einzelnen Teile nach Möglichkeit auf mehrere Sprecher und wechseln Sie bei Hymnus und Psalm nach Möglichkeit ab.

Im Morgen- und Abendgebet bieten gerade die Bitten und Fürbitten hinreichend Möglichkeiten, die Nöte der aktuellen Situation aufzunehmen. Sicher denken Sie bei Gebeten für Kranke, Leidende, Einsame und Sterbende stets auch an die von einer Corona-Erkrankung Betroffenen – selbst wenn dies nicht ausdrücklich dort steht. In der Sprache der Psalmen können Ihre Ängste und Zweifel sich ebenso wiederfinden wie Ihre Freude über das neue Treffen mit lange vermissten Menschen oder sonstige neue Möglichkeiten des Lebens.

 

Schreibblock auf Tisch mit Füllfederhalter, geschriebenes Wort "Liebe"

Verbunden bleiben

Was im Rückblick auf die erste Phase der Corona-Maßnahmen deutlich wird: die Rede von social distancing betont den Aspekt des Getrenntseins, obwohl nur der physische Kontakt eingeschränkt ist. Durch Telefon, Skype oder Zoom, durch Textnachrichten in den sozialen Netzwerken können wir durchaus mit unseren Lieben im Austausch bleiben. Zwar kann die persönliche Begegnung auch durch Videotelefonie nicht ersetzt werden, aber die direkte Kommunikation hat durchaus Vorteile: Miteinander Sprechen erreicht die emotionale Ebene anders, als wenn wir nur Texte tippen! Andererseits ist ein handschriftlicher Brief ein besonderer Weg, leibhaft zu zeigen, dass man einander wichtig ist und an einander denkt. Ein Blumengruß oder ein „Care“-Päckchen mit Tee und Gebäck kann auf wohlriechende Art zeigen, wie nah man einander im Herzen ist. Und nicht zuletzt die geistliche Ebene: Wer selbst für andere betet und fürbittend an sie denkt, kann sich getragen fühlen von jenen, die das umgekehrt für eine(n) selbst tun.

 

EmmausMomente
Glaubenswege in der Pandemie

Wenn die Corona-Zeit eines lehrt, dann dies: Wir Menschen sind aufeinander angewiesen. Nicht nur so, dass weniger Gefährdete für Angehörige der Risikogruppen sorgen; dass dies vielerorts wie selbstverständlich funktioniert, spricht für unsere Gesellschaft. Nein, wir brauchen auch den persönlichen Kontakt. Das Internet kann helfen, doch gerade, wenn es um geistliches Leben geht, sind Begegnungen von Angesicht zu Angesicht geradezu not-wendend. Die Emmaus-Erzählung im Lukasevangelium (24,13–35) setzt dies kraftvoll ins Bild. Mir ist sie in der Osterzeit 2020 leitend geworden.

Kapelle unter BäumenServatiuskapelle Himberg · Foto: JBU

Lange hatten wir uns nicht gesehen, die Freunde und ich. Schon bevor Mitte März die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus eingeführt wurden, hatten wir uns treffen wollen; doch nun war das erst einmal unmöglich. Ostern kam, das erste, das ich ganz allein begangen habe. Nachmittags fuhr ich an den Rand des ausgedehnten Waldes im südlichen Siebengebirge, um ein paar Stunden dieses warmen Frühlingstags zu wandern. Gleich zu Beginn lag eine kleine Kirche, etwas oberhalb der Talstraße, die zum Rhein hinunterführt. Und wie ich es oft tue, wenn ich allein in einer Kirche bin, sang ich ein paar Strophen und Psalmverse, wie sie mir gerade einfielen. Anschließend ging ich meine Runde durch den Wald und erkundete zwei der kleineren Erhebungen dort in der Gegend. Auf diesem Weg, es war der Geburtstag meines verstorbenen Vaters, kamen Erinnerungen, wie ich als Kind mit ihm jenes Kirchlein besucht hatte. So kam er mir nah, aber auch meine Söhne, die ihn ganz klein noch erlebt hatten und heute junge Männer sind. Und ich dachte: Wie wäre es denn, die Freunde bei ähnlicher Gelegenheit zu treffen, wenn die Maßnahmen gelockert würden?

Kapelle in Dorfmitte, von Straße umgebenKapelle Rhöndorf · Foto: JBU

Ende Mai, an einem herrlichen Freitagnachmittag im Frühsommer. Um zwei klingelte das Telefon, und die Freunde waren dran. Ob ich Zeit hätte, wir uns endlich sehen könnten. Ja, ich hatte Zeit – und eine glückliche Eingebung. „Wie wär’s denn in einer Stunde in Rhöndorf?“ Adenauers Wohnort, ein Fachwerkdorf am Rhein, liegt unterhalb vom Drachenfels mit seinen weiten Weinbergen. Wir trafen uns beim Park mitten im Ort und spazierten eine Runde durch die frisch erblühten Gassen. Sprachen über so Vieles, was lange nicht möglich gewesen war. Gegen Ende der Runde kamen wir zum Kapellchen auf seiner kleinen Insel mitten in der Straße. „Lasst uns doch hineingehen“, schlug ich vor. Als ich die Tür hinter uns schloss, trat Stille ein – trotz der Autos, die draußen weiter vorbeifuhren. Es war keine absolute Ruhe, sondern eine andere Kraft, die solchen Räumen oft innewohnt. Die dicken bergenden Mauern hielten den Lärm draußen; wir fühlten uns geborgen. Schweigend, Maske tragend, mit Abstand. Ein paar wenige Psalmverse haben wir nach einer Zeit gemeinsam gesprochen. Die Menschen, von denen wir beim Spaziergang berichtet hatten, waren für uns gegenwärtig; wir nannten ihre Namen.

Kapelle, Inneres, barocker MarienaltarKapelle Rhöndorf · Foto: JBU

Es waren dichte Minuten. Mit Freunden unterwegs zu sein und gleichzeitig aufeinander zu achten, die Pandemie-Regeln einzuhalten, das war möglich. Die eher kurze Zeit im geistlichen Raum, still beieinander: für mich war sie ein Kraftzentrum. Auch wenn das anschließende Eis beim Italiener ähnlich gut getan hat. Mir scheint, es ging den Andern wie mir; allein dass wir gemeinsam unterwegs gewesen waren und in der Kapelle innegehalten hatten, war eine Stärkung in dieser Zeit. Wie gut, dass es solche Räume gibt. Die mitten in unserer Welt – und irgendwie doch im Abseits, weil nur wenige sie wahrnehmen und würdigen – so unaufdringlich warten. Man kann sich natürlich auch zu längerem Wandern oder gar Pilgern verabreden oder eine ganze Vesper miteinander beten. Doch mit kleinen Ansätzen fängt alles an: aufeinander achten, miteinander schweigen. In physischer, nicht aber sozialer Distanz.

Johannes Bernhard Uphus

 

 

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