Offen sein für Begegnungen

 

Mein Herz denkt an dein Wort: „Sucht mein Angesicht!“ – Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. (Ps 27,8)

 

Tagungsgäste im Austausch vor dem Burgcafé© Andreas Fuhrmann / Gesprächsrunde auf Burg Rothenfels


Gottes Angesicht suchen

Wenn die Bibel von Gott spricht, tut sie es oft, indem sie ihm Züge oder Eigenschaften zuschreibt, die auch uns Menschen auszeichnen. Dies mag ursprünglich mit menschengestaltigen Götterbildern zu tun haben; doch der Sinn liegt tiefer. Denn die Bibel bekämpft die Götterbilder als Machwerke von Menschenhand: „Sie haben einen Mund und reden nicht, Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht, eine Nase und riechen nicht; mit ihren Händen können sie nicht greifen, mit den Füßen nicht gehen, sie bringen keinen Laut hervor aus ihrer Kehle.“ (Ps 115,5-7) Mit ihrer Unfähigkeit, irgend etwas zu bewirken, stehen sie im Gegensatz zu JHWH, dem lebendigen Gott. Ihm kann Israel vertrauen: „Er ist für euch Helfer und Schild.“ (vgl. Ps 115,9.10.11)

Die Rede vom Angesicht, dem Auge, der Hand Gottes zeugt von seiner Lebendigkeit, von seiner Fähigkeit, die Belange seiner Geschöpfe wahrzunehmen und wirkmächtig für sie einzutreten. Gottes Antlitz steht für seine spürbare Präsenz. Sein leuchtendes Angesicht schauen, bedeutet für den biblischen Menschen, Gottes Zugewandtsein konkret zu erfahren. Umgekehrt wird das Gefühl, den Kontakt zu Gott verloren zu haben, mit der Abwendung seines Angesichts verbunden.

In solchen Ausdrucksweisen wird ein zentrales Charakteristikum biblischer Gotteserfahrung deutlich: der Gott der Bibel begegnet dem Menschen als personales Gegenüber, als lebendiges Du.

 

In Gottes Ebenbild erschaffen

Dieser Zusammenhang wird besonders ersichtlich in der Art, wie die Bibel den Menschen sieht. Nach dem ersten Schöpfungsbericht ist er im Miteinander beider Geschlechter zum Ebenbild Gottes erschaffen. Das bedeutet zum einen, dass der Mensch, dass Frau und Mann als lebendige Abbilder des Schöpfers in der Welt wirken und die Schöpfung in seinem Sinn mitgestalten sollen.
 

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (Gen 1,27)


Zum anderen heißt das: Im Menschen erscheint etwas von Gott. Im Gegensatz zu den starren Götterbildern, die aus biblischer Sicht nur tote Hirngespinste von Menschen greifbar machen, wird in der Lebendigkeit des Menschen Gottes Lebendigkeit spürbar.

Das führt nicht nur dazu, dass Gott Fähigkeiten zugeschrieben werden, die dem Menschen eigen sind, etwa, dass er sieht und hört. Vielmehr finden diese Eigenschaften in dem Punkt zusammen, dass sie Wahrnehmung, Beziehung und Kommunikation ermöglichen.

Mit anderen Worten: Gott und Mensch sind insbesondere darin verbunden, dass sie einander als personhaftes Gegenüber wahrnehmen können. Dass ich in einem Menschen ein Du erkennen, dass ich ihn, sie beim Namen rufen kann, genau darin liegt meine Fähigkeit, auch Gott als Du anzureden.

Für die christliche Überlieferung ist diese Dimension besonders in der Person Jesu von Nazaret verdichtet. Wenn er als „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) bezeichnet wird, liegt darin ein ausdrücklicher Bezug zum Schöpfungsbericht, der besagt: In Jesus ist diese Beziehung wie in keinem Menschen sonst verwirklicht. Seine Nähe zu Gott, seinem Vater, entsprach seiner Zugewandtheit zu den Menschen, denen er begegnete.

Man kann also sagen: Für die Bibel spielt das Personsein eine grundlegende Rolle. Personsein heißt, dass ich in Beziehung treten kann. Ich trage einen Namen, mit dem mich andere rufen. Ihrem Ruf kann ich antworten, kann auf mein Gegenüber eingehen. Ich kann lernen, mit anderen Menschen zu fühlen, mich in ihre Lage zu versetzen, ihre inneren Regungen wahrzunehmen. Und in dem Maß, wie ich dies verwirkliche, kann ich mit Gott in Kontakt kommen – auf einer absolut grundlegenden Ebene, wo ich das nicht einmal wissen muss.

 

Mensch unter Menschen

Durch Menschen, die einander begegnen, die einander wichtig werden, entstehen Netzwerke, die tragen. Da spielt es keine Rolle, ob sie bestimmte Merkmale teilen oder derselben Gruppe angehören. Wer bereit ist, sich auf die, den andere(n) einzulassen, kann von ihm, ihr lernen, den eigenen Horizont erweitern – und zwar dann umso mehr, wenn sich beide voneinander unterscheiden. Das hindert keineswegs daran, dass sie zu einer tiefen Verbundenheit finden, wenn auch vielleicht erst durch einen anstrengenden, allmählichen Prozess.

Doch es geht auch anders. Einen besonderen Rang nehmen für die Bibel solche Begegnungen ein, die nach gewöhnlichen Maßstäben asymmetrisch erscheinen: Begegnungen mit Menschen in Not. Elija und die Witwe von Sarepta (1Kön 17,10-24), der Barmherzige Samariter (Lk 10,25-37) oder in frühchristlicher Zeit eine berühmt gewordene Begegnung am Stadttor von Amiens. Wer auf einen Menschen, der Hilfe braucht, zugeht und Hilfe leistet, kommt unversehens – da ist die Bibel sich sicher – mit Gott in Berührung, ob das bewusst wird oder nicht.

 

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