Leben im Bund

 

Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Mt 12,50)

 

Kreuzgang im Bonner Münster© Johannes Uphus / Kreuzgang Bonner Münster


Die Symbolik des Kreuzgangs

Es ist ein kleines Paradies. Ein grünender Innenhof, in dem Blumen wachsen. Im Herzen der Stadt ein Garten der Stille und der Sammlung, in dem abseits der Hektik der umgebenden Geschäftsstraßen kaum ein anderes Geräusch zu hören ist als das leise Rieseln des Brunnens. Der Kreuzgang des Bonner Münsters ist ein Kleinod seiner Art. Ein Raum, der einfach gut tut.

Doch nicht nur seine Atmosphäre, auch seine Symbolik hat es in sich. Denn mit den beiden Kreuzachsen und dem Brunnen im Zentrum versinnbildlicht er in der Tat das Paradies, in dem nach Gen 2,10 ein Strom entspringt, der sich in vier Hauptströme teilt. Bezieht man die Säulen ein, die den Innenhof umstehen, fällt auf: Jede einzelne hat ihr ganz eigenes unverwechselbares Kapitell. Es liegt nahe, darin eine Anspielung auf die Individualität jedes Menschen zu sehen.

 

Um die Quelle des Lebens versammelt

Angedeutet könnte damit folgendes sein: Menschen, die sich um die Quelle lebendigen Wassers scharen, tragen nicht nur ein Bauwerk beträchtlicher Größe. Durch ihren Bezug zum Mittelpunkt entsteht ein Raum, in dem es sich leben lässt. In dem man Ruhe finden und Kraft tanken kann.
 

„Die Gemeinde baut sich aus der lebendig gegenseitigen Beziehung auf, aber der Baumeister ist die lebendige wirkende Mitte.“ (Martin Buber)


Insbesondere wenn man die Atmosphäre eines solchen Kreuzgangs erlebt hat, sieht man möglicherweise den Gedanken des großen jüdischen Religionsphilosophen und Begründers des dialogischen Denkens in der Architektur bestätigt. Denn ein solcher Innenhof hat seine ganz eigene Lebendigkeit. Eine Lebendigkeit allerdings, die von vielen unbemerkt bleibt.

Die Stille und die leuchtende Grünkraft, die Geborgenheit dieses von außen nicht zu ahnenden Kraftortes sind für sich schon stark und wohltuend. Doch der kleine Brunnen gibt mit seinem Murmeln bei aller Unauffälligkeit dem Ganzen eine Dynamik, die man erlebt haben muss.

Auf die geistliche Wirklichkeit übertragen: das Entscheidende ist die Leben spendende Quelle. Sie inspiriert, bewegt, verbindet die, die sich in ihrem Kraftfeld bewegen.

 

Vielfältige Beziehungen, untereinander verbunden

Das Wegweisende an dieser Symbolik ist: Jede(r) Einzelne hat seine ganz eigene Verbindung zur Quelle. Doch weil letzten Endes die lebendige Quelle selbst es ist, die zu den Menschen Beziehung aufnimmt, können die vielen, die sie als ihre Mitte eint, zu einem Miteinander finden, in dem Unterschiede nicht länger trennen. Zu einem Netzwerk, das dem Leben dient, weil es gestiftet und getragen ist von der Quelle des Lebens.

 

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