Den Fluss des Lebens spüren

 

Wie einen Strom leite ich den Frieden nach Jerusalem. (Jes 66,12)

 

© Johannes Uphus / Rhein bei Köln


Sinnbild der Lebensfülle

Es ist eine großartige Vision, die der Prophet Ezechiel im 47. Kapitel vor Augen stellt: Im Tempel entspringt eine Quelle, die zu einem großen Strom anwächst. So sehr schwillt er an, dass er am Ende nicht mehr zu durchschreiten ist. Seine Wasser schaffen Leben, wo immer er hinkommt, ja, er macht das salzige Wasser des Toten Meeres gesund.
 

Wasser und Geist

Doch das Wasser hat zwei Gesichter. Nicht von ungefähr erinnern viele Taufsteine an die Noach-Geschichte, wo die Taube eines Tages mit einem Ölzweig zurückkommt und damit das Ende der Flut ankündigt (Gen 8,8-12). Auch das Schweben des Gottesgeistes über dem Wasser vor Schöpfungsbeginn (Gen 1,2) bringen Gottes Lebensatem mit dem Element Wasser in Zusammenhang. Dabei ist dessen Doppelgestalt durchaus bewusst, seine zerstörerische Urgewalt ebenso wie die milde, für alles Leben unentbehrliche Seite, die Fruchtbarkeit und Wachstum überhaupt erst ermöglicht. Auch der Geist wird mit beiden Seiten verbunden: er ist lebensnotwendiger Atem ebenso wie der kraftvolle Sturmwind, der alles Morsche hinwegfegt.
 

Die innere Quelle

Auf den ersten Blick merkt man es selten. Im vierten Kapitel des Johannes-Evangeliums, bei Jesu Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, kehren die zentralen Motive der Genesis und der Ezechiel-Vision wieder. Quelle, lebendiges Wasser, Tempel und Geist spielen auch hier eine wesentliche Rolle. Doch diese Bezüge werden allenfalls angedeutet. Jesus verheißt der Frau lebendiges Wasser, das in ihr zur sprudelnden Quelle wird, sodass sie nie mehr Durst haben wird. In einem zweiten Strang der Erzählung geht es dann um den Jerusalemer Tempel, der Juden und Samariter trennt; doch er ist nur vorläufig. In Geist und Wahrheit werden die Menschen Gott anbeten. Jesus möchte der Frau nahe bringen: die Quelle, nach der sie sich sehnt, findet sie in sich; erstrangiger Tempel, höchstes Heiligtum des lebendigen Gottes, aus dem sein Segen hinausströmt, ist das menschliche Herz.
 

Kontemplation

Eine uralte, zentrale geistliche Übung im Christentum ist das Herzensgebet. Kurz gesagt, geht es darum, in die Stille zu finden und in größter Klarheit und Aufmerksamkeit des Bewusstseins für Gott und sein Wirken offen zu werden. Reine Bereitschaft, Ruhe, durch nichts gestörte Aufmerksamkeit ist das Ziel.

Schwierig genug – denn aufdringlich drängen sich stets Gedanken in den Vordergrund, die abzulenken bestrebt sind vom reinen Gegenwärtigsein. Was also tun? Kämpfen hilft nicht, es schafft Unruhe und Verdruss, weil sich das Kreisen der Gedanken nicht gewaltsam besiegen lässt.

Thomas Keating (* 1923), us-amerikanischer Trappist, hat folgenden Weg beschrieben: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem großen Strom. Seine Kraft, sein ruhiges Fließen gilt es wahrzunehmen. Die Schiffe, die auf ihm fahren, können für die Gedanken stehen. Keines von ihnen wird man verfolgen, bis zum nächsten Anleger, zum großen Seehafen an der Küste, wenn man den Fluss genießen will. Man sieht sie kommen, schaut sie an – und lässt sie ziehen. Denn das Wichtige ist der kraftvolle Strom. Ein sehr einleuchtendes Bild, aber auch eine gute Möglichkeit kennenzulernen, was Kontemplation bedeutet. Man kann es in der Wirklichkeit ausprobieren, an der Donau, am Rhein, an der Elbe. Flüsse gibt es viele.

 

Zum Weiterlesen:
Thomas Keating, Das Gebet der Sammlung – Einführung und Begleitung des kontemplativen Gebetes, Vier Türme Verlag Münsterschwarzach, ISBN 978-3-89680-474-7, 16,90 €.

 

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